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Geschichte und Aufgabe des Cupere Instituts für Geschichtsinterventionen

Das Cupere Institut für Geschichtsinterventionen wurde 1992 von dem Berliner Historiker Prof. Dr. Jaap van Hoofstraat gegründet und forscht seitdem in der bestehenden und entstehenden Geschichtsschreibung nach ambivalenten Personen und Vorfällen, die in der bisherigen Geschichtsschreibung keine Entsprechung gefunden haben. Diese Blindflecke der Geschichtsschreibung (Hoofstraat) sollen in das kollektive Geschichtsbewußtsein integriert werden. Neben dieser wesentlichen Aufgabe werden Fragestellungen nach dem Wahrheitsgehalt und der Manipulationsanfälligkeit der Geschichtsschreibung unter dem Aspekt der temporären Wahrheit (Hoofstraat) erarbeitet. Seit 2003 wird das Institut von Dirk Dietrich Hennig geleitet.


 

- Das Modell der Geschichtsintervention

- 1964 / Der Anastatische Blick: Das Wesen der Intervention

- Rezeptions - Idealkonstellation nach Jaap van Hoofstraat

- Der Begriff der temporären geschichtlichen Wahrheit

- Rede zur 180 Jahrfeier im Kunstverein Hannover

  


"... Wenn wir heute über Geschichtsgläubigkeit reden, reden wir von der Wahrnehmung der Geschichtswahrheit - also dem Wahrheitsanspruch der in der Vermittlung und Präsentation von Kultur immanent ist. Das Wesen von kulturgeschichtlicher Präsentationen ist untrennbar von dieser Geschichtsgläubigkeit. Die Geschichte - also die Geschichtsschreibung - beinhaltet den Status Quo, lediglich eine temporäre Wahrheit. Diese geschichtlich temporäre Wahrheit gilt bis zu jenem Zeitpunkt, wo durch neue Forschungsmethoden und daraus gewonnenen Erkenntnissen und aus daraus gewonnenen Bewertungen, ein neuer Status Quo eintritt, also neu Kategorisiert und werden muss. Durch einen solch geschichtlich relevanten Fund, kann die Situation entstehen, das im schlimmsten Fall ganze Kapitel der Geschichtsschreibung, die sich auf diesen Fund beziehen, und damit verbundene Personen, Städte, Länder oder Völker, neu geschrieben werden muss. Der Staus Quo der Geschichtsschreibung definiert also a priori den Blickwinkel und somit die Bedeutung eines geschichtlich relevanten Fundes. Ebenfalls wird auch das Vertrauen in die Geschichtsschreibung, also die Geschichtsgläubigkeit durch diese Prozesse definiert.

Diese Glaubwürdigkeit von Geschichte in Frage zu stellen, mit historischen Realitäten oder geschichtlichen Fiktionen zu hantieren, die Geschichtsschreibung zu ergänzen, neue Sachverhalte in bestehende oder konstruierte Konstellationen zu integrieren, um sie dadurch für eine neue Bewertung und einer neuen Betrachtungsweise in Frage zu stellen, also die letzte Bastion der Wahrheit, das Museum als Institution der Geschichtsvermittlung par Excellenze zu diskreditieren, ist letztlich das Wesen der Geschichtsintervention. Die Geschichtsintervention hinterfragt die Charakteristika der Geschichtsschreibung, und stellt ihre Autorität in Frage. Die Funktion des Museums als Institution der Geschichtsvermittlung und damit die Funktion der Wahrheitsübermittlung wird in Frage gestellt. Wissentlich mit einer Geschichtsintervention konfrontiert, muss der Rezipient anhand der Präsentation seine eigene Wahrheit konstruieren. Die Intervention kreiert also im übertragenen Sinne eine eigene Wahrheit - die Möglichkeit der geschichtlich akzeptierten Konstruktion wird als Teil des eigenen Verständnisses der geschichtlichen Wahrnehmung verstanden. Der historische Rahmen der Intervention konfrontiert den Betrachter mit seiner eigenen Geschichtswahrheit, seiner Vorstellung von Geschichtsgläubigkeit. Somit wird der Begriff der musealen Glaubwürdigkeit – also Wahrheit – dekonstruiert, und somit eine Sensibilisierung der Wahrnehmung von Geschichte evoziert. Ein Vorgang der Bewusstwerdung des Status Quo der Geschichtsschreibung und damit auch der temporäreren geschichtlichen Wahrheit, der zu einem differenzierten Umgang mit musealen Präsentationen, also Institutioneller Vermittlungsautorität von Wahrheit im Sinne von Geschichtsschreibung führt."

Dr. Jaap van Hoofstraat, Ausschnitt aus einer Rede,Geschichtsphilosophischen Kongress, Berlin, März 1983


 

1962 definierte Prof. Dr. Jaap van Hoofstraat das Modell der Geschichtsintervention. Die Geschichtsinterventionen beschreibt Eingriffe in die Geschichte durch die Geschichtsschreibung selbst. Anhand des geschichtlichen Zeitstrahls (GZS), der auf bisherige, gesicherte Erkenntnisse beruht, wird ein historischer Zeitrahmen definiert. Parallel zum geschichtlichen Zeitstrahl, verläuft der geschichtliche Interventionszeitstrahl (GIZS). Der geschichtliche Interventionszeitstrahl taucht in den bestehenden Zeitstrahl ein und bildet eine Schnittfläche der Zeitachsen (GSZ) – die Intervention in die Geschichte. Nachdem der geschichtliche Interventionszeitstrahl aus der Schnittfläche der Zeitachsen dem geschichtlichen Zeitstrahl verlässt, bildet der Interventionszeitstrahl einen Parallel- Wahrheitsstrang (PWS) für den weiteren geschicht-lichen Verlauf, unter Einbeziehung der Veränderungen durch die Intervention (GZS +/- GIZS = PWS). Über einen längeren zeitlichen Abstand kann dieser weitere geschichtliche Verlauf zu einer Verschmelzung des Parallel- Wahrheitsstrang mit dem geschichtlichen Zeitstrahl führen und so die Integration der Intervention (I) in den geschichtlichen Zeitstrahl unkenntlich machen (GZS +/- GIZS = PWS + I = GZS). 

 

 

 

 

 

 

 

   Quelle: Jaap van Hoofstraat, Das Modell der Geschichtsintervention, 1962


 

Intervention ist eine steuernde Maßnahme von Seite der Lehrenden oder Lernenden, die jene bewusst setzen, um das Geschehen im Interesse der festgelegten Ziele zu organisieren. Demzufolge ist jeder Satz, jede Anweisung eine Intervention im Lernsystem. Intervention in diesem Sinne ist eine normale, ja notwendigen Maßnahme. Auf der anderen Seite soll die Normalität der Intervention nicht dahingehend missverstanden werden, dass ein mehr an Intervention auch ein besser bedeutet. Gerade das Verhältnis zwischen Intervention und Nicht-Intervention ist für den Erfolg von Ausschlag. Dieses zu erkennen und umzusetzen macht die Professionalität der Lehrenden aus. 1994 definierte van Hoofstraat das Wesen der Interventionen in der Geschichte als ist ihre vom Betrachter konstruierte Glaubwürdigkeit. Das unglaubwürdige wird zugunsten einer plausiblen Möglichkeit neu definiert und so im Kontext legitimiert. Das Wesen der Geschichte ist temporär, alle Erkenntnisse behalten ihre Gültigkeit nur so lange, bis neue Erkenntnisse den Sachverhalt neu definieren. In diesem Zusammenhang spricht van Hoofstraat von der geschichtlich temporären Wahrheit. Ein Wahrheitsbegriff der keine entgültige Wahrheit zulässt. Das Wissen über unsere Unzulänglichkeit im Umgang mit geschichtlichen Fakten, führte in der Geschichtsbewertung zu manch kurioser Folgeleistung und Manipulation.

Quelle: Jaap van Hoofstraat, Der Anastatische Blick, 1964


 

Die Rezeptionstheorie ist ein Modell der Textanalyse, wie es u.a. von Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser entwickelt wurde, das Texte von ihrer Rezeptionsgeschichte her versteht. Ausgangspunkt ist die Annahme, daß die Bedeutung eines Textes nicht fest ist oder mit der Autorintention zu identifizieren sei, sondern erst im Vorgang der Rezeption zustande kommt und daher sozial und historisch variabel ist. Hans Georg Gadamer schrieb dazu: Zur möglichst authentischen Wirkungsgeschichte gehört das Wissen um den betreffenden geschichtlichen Abschnitt. Nur so ist es möglich, Werke und deren Wirkung der damaligen und somit gerechtfertigten Bedeutsamkeit zuzuordnen. 1958 übertrug van Hoofstraat Teile der Rezeptionstheorie auf die bildenden Künste und definiert die Rezeptions-Idealkonstellation. Im Gegensatz zur Text-analyse bei Jauß und Iser verbindet van Hoofstraat jedoch das Kunstwerk mit der Autorenintention. Der Künstler entwickelt das Kunstwerk aufgrund seiner existenziellen Situation, also aus Erfahrung, Geschmack, Neigung, Bildung und Sensibilität. Dabei ist die Kategorie der Kunstsparte sekundär, das Modell also übertragbar. Aufgrund von Motivation, Idee und Eingebung entwickelt der Künstler die Intention des Werkes, die dem Werk dann immanent ist und damit auch das Wissen um den geschichtlichen Abschnitt nach Gadamer definiert.

Die existenzielle Situation des Rezipienten entspricht in der Rezeptions-Idealkonstellation der des Künstlers. Basierend auf seiner Erfahrung, Geschmack, Neigung, Bildung und Sensibilität rezipiert er das Werk des Künstlers. Die Rezeption, und damit die Interaktion des Rezipienten mit dem Kunstwerk, führt zu einer bewußten oder unbewußten Bewertung, wobei diese Bewertung durch Desinteresse, Ablehnung oder Zustimmung geprägt wird. In der Rezeptions-Idealkonstellation wird dem Rezipienten der Zugang zur Intention des Künstlers, als Teil des Betrachtungsspektrums, bewusst. Hierbei gibt es verschiedene Varianten des Zuganges, die von der größe des geschaffenen Zuganges abhängig sind, und den Anreiz darstellen. Im Idealfall ist der Anreiz des Kunstwerkes gerade so groß, das ein weiteres Auseinandersetzen des Rezipienten mit dem Werk gewährleistet ist. Ist der Zugang zu groß, dann erlischt das Interesse - das Kunsterk wird als offensichtlich oder platt bewertet. Im Gegensatz dazu steht ein nicht vorhandener Zugang. Die Anforderung an das Werk aus sich selbst heraus erklärend tätig zu sein, wird durch den fehlenden Zugang verhindert, der Rezipient kann weder etwas über die existenzielle Situation des Künstlers, noch über die Intention des Kunstwerkes erkennen. Diese Situation trifft ebenfalls zu, wenn die existenziellen Situationen von Künstler und Rezipient von ungleicher Konstellation sind. Im Regelfall ist die Rezeptions- Idealkonstellation für diese Situation ausreichend und führt zur anschließenden gefühlten Bewertung. Ist ein Zugang also in ausreichender Form gegeben und damit ein Anreiz gewährleistet, der zur Interaktion des Rezipienten und des Kunstwerkes, und damit zu einer Bewertung führt, wird das Gefühlsspektrum des Rezipienten, in Form von Genuss oder Missfallen, Unwohlsein oder Euphorie, angeregt. Diese Wahrnehmung wird forthin das Bewertungsspektrum des Rezipienten ergänzen und bei späteren Interaktionen sowohl das Verständnis und die Interaktion mit bestimmen.

Quelle: Jaap van Hoofstraat, Rezeption und Konstellation, 1958


 

1959 prägte Dr. Jaap van Hoofstraat den Begriff der temporären geschichtlichen Wahrheit. Am Beispiel eines geschichtlich relevanten Fundes lässt sich der Begriff am anschaulichsten erläutern. Ein solch relevanter Fund wird geschichtlich zugeordnet und die historische Bedeutung, nach Möglichkeit, kategorisiert und zeitlich festgelegt. Daraus ergeben sich Erkenntnisse für die weiterführende historische Bedeutung des Fundes. Wenn dieser relevante Fund, in einem zeitlichen Abstand, durch einen weiteren relevanten Fund unterstützt, ergibt sich folgende Situation: eine neue Kategorisierung wird vorgenommen, die bisherige Bewertung, geschichtliche Zuordnung und historische Bedeutung wird neu definiert und hat eventuell eine Korrigierung des geschichtlichen Zeitstrahls, also der Geschichtsschreibung zur Folge. Dieser Status quo wird unweigerlich, aufgrund von neuen und genaueren Forschungsmethoden, in unterschiedlichen Zeitabständen immer wieder auftreten. Den Zeitraum zwischen diesen Ereignissen, definiert van Hoofstraat als temporäre geschichtliche Wahrheit.

 Quelle: Jaap van Hoofstraat, Geschichte im Fluß, 1959/60


 
Rede zur 180 Jahrfeier im Kunstverein Hannover

 
 

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Jubiläumsgäste,

 

ich freue mich als Vertreter des in Hannover ansässigen CifG Instituts zu diesem Anlass, der 180 Jahr Feier des Kunstvereins Hannover, ein Grußwort an Sie  richten zu können. Für diejenigen unter Ihnen denen das CifG Institut noch kein Begriff ist, lassen Sie mich zusammenfassend sagen, das unser Institut sich in der Forschung mit

Fragen der Ambivalenz in der Geschichtsschreibung und deren Phänomenen beschäftigt. So gesehen macht auch der Titel meines Grußwortes, den Sie dem Programm entnehmen können, einen Sinn. Handelt es sich doch um ein Grußwort aus dem Jahr 2112 –und das ist keineswegs einem Druckfehler zu verdanken. Es ist das scheinbare Resultat einer Technik, die in unserer Zeit zwar  ihre Anfänge hat, aber noch weit entfernt 

ist von einer tatsächlichen Anwendung. Gemeint ist der Quantencomputer und eine nicht beabsichtigten Nebenfunktion dieser zukünftigen, technischen Errungen-schaft. Nun werden Sie sich fragen ob ich von Zeitreise spreche? Und wie das Möglich sein sollte? Und Ihre Zweifel sind berechtigt. Lassen Sie mich deshalb kurz 

erläutern, womit wir es hier zu tun haben.   

 

Die Zeitreise ist spätestens seit Roman: Die Zeitmaschine von H.G. Wells aus dem Jahr 1895, Gegenstand literarischer, filmischer und wissenschaftlicher Betrachtung  und erschöpfend diskutiert. Wobei sich der Kanon der Wissenschaft einig ist, das Zeitreisen in die Vergangenheit nicht möglich sind. Aus zwei einfachen und plausiblen  Gründen. Die Zeit verläuft linear, also Analog. Wir befinden uns also in einer Ursache Wirkung Wechselbeziehung. In der Physik wird dieses fundamentale Gesetz 

auch die Folgerichtigkeit genannt. Wir werden geboren, wir Leben und wir sterben. In dieser Reihenfolge und nicht andersherum, wie wir alle Wissen. 

 

Denken wir uns also eine Maschine mit der wir uns in der Zeit zurück bewegen könnten. Auf einem linearen Zeitstrahl würden wir uns also unserer Geburt entgegen 

bewegen. Ein Zeitreisender würde also bei seiner Reise in die Vergangenheit immer jünger werden. Und spätestens bei erreichen des Zeitpunktes seiner Geburt wäre 

seine Reise beendet. Sie könnten auch den Bau der Zeitmaschine als Maßstab nehmen, die bei der Reise in die Vergangenheit wieder auseinander gebaut würde.

Wir stehen also vor dem unlösbaren Problem der Linearität der Zeit.  Nehmen wir aber einmal an, wir würden dieses Problem in den Griff bekommen und unser Zeitreisender würde in seiner Zeitmaschine nicht jünger werden und die  Maschine würde sich nicht selbst demontieren. Dann hätten wir immer noch das Problem der Expansion des Universums. Wie wir wissen dehnt sich das Universum  seit dem Urknall aus und kühlt sich dabei langsam ab. Aus physikalischer Sicht müsste also die Zeitmaschine in der Lage sein, bei einer Reise in die Vergangenheit, 

den Zustand den das Universums an dem gewählten Zielpunkt unserer Reise hatte, wieder herstellen. Das Universum müsste also wieder zurück schrumpfen. 

 

Die Energiemenge, die man dafür benötigen würde, müsste dementsprechend außerhalb des Universums wirken. Ganz abgesehen davon, das diese Energiequelle 

unvorstellbar groß seien müsste. Reisen in die Vergangenheit sind also mit unlösbaren Problemen behaftet. Bei Reisen in die Zukunft sieht es etwas anders aus, 

wenngleich auch hier Probleme auf uns warten. 

 

In Einsteins Gedankenexperiment, der sogenannten Zwillingstheorie von 1905, finden wir bereits die gedankliche Möglichkeit zu einer Reise in die Zukunft. Hiernach 

begibt sich einer von zwei Zwillingen mit einem Raumschiff auf eine Reise zu einem fernen Planeten, sagen wir dem Doppelsternbild Alpha Centauri, das ungefähr 

4,3 Lichtjahre von unserer Erde entfernt liegt. Zur Orientierung: nah der Lichtgeschwindigkeit zu fliegen, bedeutet ungefähr 300.000 km pro Sekunde zurückzulegen. 

Der andere Zwilling verbleibt auf der Erde. Nehmen wir ferner an, das Raumschiff ist in der Lage mit annähernder Lichtgeschwindigkeit zu fliegen. Dann würde die Reise 

auf dem Hinflug etwas über sechs Jahre dauern. Dazu rechnen wir den Rückflug und kommen auf ungefähr 12 Jahre Abwesenheit von der Erde. Nun verhält es sich

nach der Relativitätstheorie so, das wenn man sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt, die Zeit langsamer vergeht. Bei der Rückkehr auf die Erde wären dort also 

20 Jahre vergangen. Der Sternenreisende Zwilling würde also 8 Jahre in der Zukunft auf der Erde angekommen, da für ihn weniger Zeit vergangen ist. Dieses Gedanken-

gang wurde später in experimentellen Nachweisen bestätigt, z. Bspl. konnte es beim Vergleich zweier Atomuhren eine in einem Verkehrsflugzeug, die andere im Labor 

auf der Erde nachgewiesen werden. Aber hier bewegen wir uns im Milliardstelsekunde Sekundenbereich, da die Geschwindigkeit eines Flugzeugs eher gering ist. 

Der Nutzen einer solchen Reise in die Zukunft ist jedoch von geringen Zweckmäßigkeit ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten  der Herstellung eines Raumschiffes 

das in der Lage wäre mit annähernder Lichtgeschwindigkeit zu fliegen, oder den daraus resultierenden Gefahren für die Besatzung allein durch die Gammastrahlen-belastung. Sie sehen also mit den Zeitreisen ist das so eine Sache. 

 

Lassen Sie mich noch einen weiteren Aspekt beleuchten. Verständlicherweise werden bei Szenarien von Zeitreisen immer Personen mit bedacht, die eine solche Zeit-reise aus einem bestimmten Grund unternehmen. Sei es aus einer politischen Motivation um Korrekturen im Zeitgeschehen vorzunehmen oder aus rein  historisch-

em Interesse. Das wiederum würde dann zu dem Paradoxon führen, das die Ereigniskette der linearen Geschichtsschreibung, Sie erinnern sich, die Zeit verläuft ja linear, schlagartig Konsequenzen in der Zukunft hätte. Diese Gefahr und ihre Auswirkungen sind in zahlreichen Filmen ausgiebig vorgeführt worden und führen uns an die  Grenzen des Denkbaren. 

   

 

email grusswort 2112

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Original Email - PDF download

 

Ein prominentes Beispiel dafür ist das Großvaterparadoxon. Ein Zeitreisender, der in die Vergangenheit reisen würde um seinen Großvater umzubringen, würde  also 

nicht geboren werden, und könnte daher nie die Zeitreise angetreten und  seinen Großvater umgebracht haben. Wir haben es also mit einem scheinbar oder tat-

sächlich nicht auflösbaren Widerspruch zu tun, wenn wir versuchen würden, in die bestehende Geschichtsschreibung durch eine Zeitreise einzugreifen.

 

Doch wie verhält es sich, wenn wir es nicht mit Personen zu tun haben, die eine Zeitreise unternehmen würden, sondern, wie in dem hier vorliegenden Fall, mit einer E-

Mail, die aus der Zukunft zu kommen vorgibt. Dann hätten wir es nicht mehr mit Masse zu tun, die schwer zu bewegen wäre in der Zeit, sondern mit digitalen Daten-

strömen, also mit reiner Energie. Nun bin ich selbst kein Quantenphysiker der diese Frage beantworten könnte. Wir haben deshalb Prof..Harald Lesch zu diesem Problem 

angefragt, jedoch leider bis heute keine Antwort erhalten. Die Frage ist also entweder zu profan, oder aber so komplex und neu, das die Antwort ein Problem darstellt.

   

Das hier vor mir liegende Grußwort aus dem Jahr 2112 stellt uns also vor das Grundproblem der nicht überprüfbaren Authentizität. Rückblickend können wir Fakten 

überprüfen und Gegebenenfalls als Fälschungen entlarven. Nicht jedoch wenn es sich um etwas aus der Zukunft handelt. Wir stehen also vor einer Glaubensfrage. Der Autor des Grußwortes aus der Zukunft scheint sich dieser Problematik bewusst gewesen zu sein und hat eine kurze Erläuterung dem Schreiben beigefügt.  Menschliche Zeitreisen sind demnach auch in der Zukunft, unter anderem aus den vorherig angeführten Gründen, nicht möglich. Jedoch, so der Autor, wurde durch  Zufall bei der Entwicklung des Quantencomputers die Möglichkeit entdeckt, das digitale Daten, bei einer sehr hohen Geschwindigkeit dank hoher Rechenleistung - in der Vergangenheit landen. Und das zeitlich recht präzise, damit es noch auf die Einladungskarte zu dem Anlass der Jubiläumsfeier gedruckt werden konnte.  Sie werden sich jetzt natürlich fragen, wie man eine E-Mail aus der Zukunft als solche erkennen kann, ohne dabei einem Betrug aufzusitzen. Weder der Autor,  der zu unserem Zeitpunkt noch nicht geboren wurde, noch die technischen Details der Übermittlung lassen sich peinlich überprüfen, da sie noch in der Entwicklung  sind und eine praktische Nutzung in der Anwendung, sowie die daraus resultierenden Nebeneffekte noch nicht bekannt sind. Die Antwort ist also einfach: Man kann  es nicht erkennen. Was wir jedoch wissen ist: das Physiker wie Richard Feynman und David Deutsch in den 1980er Jahren mit ihren Theorien zur Quantenphysik,  den Weg für den Quantencomputer bereitet haben. 1985 beschrieb David Deutsch in einer bahnbrechenden Arbeit die Quantenverallgemeinerung der so genannten  universellen Turing-Maschine. Damit lieferte er die zentrale Idee für den Quantencomputer, der eines Tages bestimmte Berechnungen schneller durchführen können soll als alle heutigen Computer zusammen. An der Entwicklung eines solchen Computers wird aktuell an Universitäten in den USA, in Europa und in Asien  gearbeitet. Soweit die Lage zum Thema Quantencomputer und mögliche Zeitreisen. Wie also mit diesem Grußwort umgehen?

 

Den eben angeführten Gefahren entsprechend, könnte ja diese Nachricht aus der Zukunft durch das Vortragen in unserer Zeit, Konsequenzen in der Zukunft haben.  Es könnte also die Geschichte dadurch verändert werden, das ich Ihnen dieses Grußwort vorlese.  Nun erwarten Sie bestimmt allerhand Hiobsbotschaften, die in dieser Mail enthalten sein könnten, über Erdbeben, Kriege und andere Katastrophen, vor denen uns  dieser Verwandte aus der Zukunft warnen möchte. Doch da muss ich Sie enttäuschen, es hält sich nicht nur in Grenzen mit den Katastrophen, die meisten Informa-

tionen beziehen sich sogar auf die Kultur. Warum sonst hätte der Absender auch den Kunstverein als Ort gewählt, wo dieses Grußwort verlesen werden sollte. Ich könnte auch dagegen fragen: Gibt es  einen besseren Ort als die zeitgenössische Kunst, wo bekanntlich nahezu alles möglich ist? Vielleicht ist das auch der Grund, warum unser Institut diese Mail bekam und nicht das Max Plank Institut. Oder aber diese Mail ist bei verschiedenen Institutionen 

eingetroffen, wurde aber nicht ernst genommen, oder fiel dem Spam-Ordner zum Opfer. Wir wissen es nicht. Und die Zeit reicht hier nicht aus, Ihnen die sechs Seiten 

vorzutragen. Ich verweise Sie daher auf den Empfangstresen im Foyer, wo Sie eine Kopie dieser E-Mail in Ruhe einsehen können, um sich ihr eigenes Urteil zu bilden.

Sehen wir das Grußwort aus der Zukunft also als eine geschichtliche Möglichkeit an, die vieleicht noch passieren wird, oder auch nicht. Da Sie liebe Jubiläumsgäste, aber der Adressat dieser Mail gewesen sind, wollten wir sie Ihnen nicht vorenthalten.

 

Lassen Sie mich mit den Worten Albert Einsteins enden, die auch unser Zeitreisender in seiner Mail als Schlusswort verwendete:  "Das schönste was wir erfahren können ist das Mysteriöse. Es ist der Quell aller wahren Kunst und Wissenschaft."   In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit  

 

Dirk Dietrich Hennig, Vortrag anläßlich der 180 Jahrfeier des Kunstvereins Hannover, 2012


 
 

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