Mario Tombarell  der unglaubliche Affenmensch (1892-1930)

 

Als Mario Anton Tombarell am 17.03.1892 in Potsdam geboren wurde, begann eines der ungewöhnlichsten Kapitel in der Varietégeschichte Europas. Der deutsch-italienische Sohn eines auf Jahrmärkten auftretenden Messerwerfers, wurde mit affenähnlichen Füßen geboren. Seine Großzehen saßen seitlich am Mittelfuß und zeichneten sich durch außerordentliche Kräftigkeit aus. Schon mit fünf Jahren war Mario in der Lage sich mit seinen Fußzehen an Stäben und Seilen festzuklammern. Bernardo Alfonso Tombarell, Marios Vater, entdeckte früh das Talent seines Sohnes und förderte ihn darin, seine Fähigkeiten auszubauen.  

Wo immer Jahrmärkte seit dem Mittelalter abgehalten wurden, waren sie nicht denkbar ohne jene Spielleute und Vaganten, die von Marktplatz zu Marktplatz zogen und den spezifischen Charakter des Marktgeschehens prägten. Nicht weniger beliebt als Messerwerfer wie die Tombarells, Schwertschlucker, Kraftmenschen die Eisen bogen, Seiltänzer, Possenreißer, Spielleute und Mimiker, Luftspringer, Puppenspieler und Bänkelsänger, sowie Leute mit allerhand Tieren wie Bären, Kamelen, Affen, Hunden und Schlangen, waren all die Damen ohne Unterleiber oder mit zwei Köpfen, die sprechenden Köpfe oder schwebenden Personen, die sich auf dem Jahrmärkten zeigten.

Im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert waren die Schaunummern von so genannten Abnormitäten besonders ausgefüllt, wie zum Beispiel der Zwerg Tom Thumb, die Haarfrau Julia Pastrana -  oder der Riese James Murphy aus Amerika. Dass bloße betrachten von „Show-Freaks“ wirkte allerdings in Europa auf das theaterbesessene Publikum unattraktiv, sodass die Auftritte in Possenhandlungen oder Pantomimische Handlungen eingebettet wurden. Ihre spätere Einbindung in die bunte Folge des Varietéprogramms stand noch aus.

Mario Tombarell trat zu beginn seiner Karriere ebenfalls auf Jahrmärkten auf und wurde als der „Affenjunge“ bestaunt. Mit sechzehn Jahren schloss er sich einer Gruppe von „Show-Freaks“ an. Zusammen mit Schlangenmenschen und einer beharrten Frau zogen sie durch die aufkommenden kleinen Varietéhäuser Deutschlands. Bis neunzehnhundertdreißig trat Mario Tombarell unter anderem in der Scala, im Wintergarten und im Plaza in Berlin, im Flora Varieté in Hamburg, im Drei Linden in Leipzig, im Apollo Theater in Dortmund und in der Shouwburg in Rotterdam unter seinem Namen und mit Solo-Nummer auf. 

Wegen der Deformierung seiner Füße litt er oft unter starken Schmerzen im Mittelfußknochen. Auch musste sein Schuhwerk aufs genaueste angepasst werden. Bei einem Gastauftritt in Münster suchte er Hilfe in der acht-zehnhundertneunundachtzig durch Wilhelm Hüffer gegründeten Klinik für Orthopädie, der heutigen Hüfferstiftung. Der damalige Leitende Arzt Dr. Lintel - Höping, untersuchte mit großem Interesse die Füße Tombarells. Eine derartige Fehlstellung der Großzehen war dem Oberarzt in seiner Karriere noch nicht vorgekommen. Nach dem Lintel - Höping eine Vorstellung Tombarells besucht hatte, riet er dem Artisten von einer Stellungskorrektur des Fuß - Skeletts ab. Regelmäßig ließ sich Mario Tombarell ein spezielles Salbengemisch aus Münster schicken, um Schwielen und Schmerzen zu lindern. 

Die Arbeitsmöglichkeit im Varieté war für die Artisten im Unterschied zum Zirkus leicht und bequem. Wurden die Artisten beim „fahrenden Volk“ in alle Arbeitsbereiche integriert, so absolvierten die Varietéartisten ihre „Nummer“ und waren dann ihre eigenen Herren. Freilich haben sie andererseits die Unbequemlichkeit, sich alle vierzehn Tage, höchstens alle Monate nach einem neuen Engagement umsehen zu müssen. Nur selten wurden Verträge für ein Jahr oder länger vergeben. Erfolgte der Besuch des Varietés bis Mitte der neunziger Jahre des achtzehnten Jahrhundert noch unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit, eröffnete der Ausbau des Wintergartens in Berlin auch der Hautevolee und den Aristokratischen Kreisen den Zugang zum Varietévergnügen.

  

  

 

 

Darstellung eines normalen Fußes und einer Röntgenaufnahme des rechten Fußes Mario Tombarells
 

 

 

Salbengefäße mit Heilsalbe zur Linderung der Schmerzen im Fuß, von M. Tombarell, ausgestellt vom Hüfferstift Münster, um 1920
 

 

 

Brief von Dr. B. Reitzfeld aus Bremen. Dr. Reitzfeld riet Tombarell von einer Operation der Füße ab, verwies ihn aber an Dr. Lintel-Höping, dem damaligen Leiter der Orthopädische Abteilung des Hüfferstifts in Münster
 
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