Kaes van Dongens über "Das Gefühl"    zurück

Das Manuskript zu dem Lyrikband "Von der Lust und dem Leid" aus dem Jahr 1665, war Jahrzehntelang verschollen gewesen und ist jetzt, in Teilen, wieder aufgetaucht.  Der Lyrikband selbst wurde 1665 nicht veröffentlicht. Van Dongens Verleger in Den Hag Ballegogen & Hemskerk war das Manuskript zu modern. Und tatsächlich überrascht Kaes van Dongen in diesem Werk mit einer Kühnheit die erst wieder im 19. Jahrhundert in Frankreich als vers libre entwickelt werden sollte. Wie in dieser Form der modernen Lyrik verzichtet van Dongen auf die klassischen poetischen Mittel von Reim und Versmaß durch den völligen Verzicht auf die Regeln der Metrik und verwendet den freien Vers, wodurch er sich der Prosa annähert.

Inhaltlich ist dieser Lyrikband, wie auch der Gedichtband "Von der Liebe und dem Schmerz" aus dem Jahr 1664, an Elisabeth von der Pfalz gerichtet. 

Übersetzt aus dem niederländischen von Jaques Derain.


 

      Das Gefühl 


1     Was ich fühl
2     Verteilt an Herz und Hose
3     Kopf und Bauch 
4     Wispert zart
5     Streitet, schlägt 
6     auch - manchmal hart.
 
7     Gleich Wellen, 
8     Stürmen, 
9     brütend heißen tagen
10   Eiseskälte, Regenfluten,
11   Grauen Wolken
 
12   Immer nur eines.
13   Wie nur 
14   soll ich Leben, 
15   denken
16   Wenn ständig 
17   So präsent ihr seid?
 
18   Wissen müsst ich
19   die tiefsten,
20   die geheimsten,
21   die profansten und amüsantesten
22   Gedanken, Wünsche
23   die Euch quälen.
 
24   Um dann,einer Klaviatur gleich 
25   euer Verlangen - 
26   zu befriedigen.
27   Die Melodie zu spielen
28   die ich in Euch 
29   zum schwingen 
30   bringen will. 
31   Die ihr in mir 
32   zum schwingen brachtet.
 
 
33   Kaum gedacht
34   ziehen Truppen auf -
35   Treiben sie, 
36   die gedachten,
37   Hinter Mauern
38   Schlössern, Stäben,
39   Verbannt, verstoßen.
 
40   Das ich 
41   erobert zurück -
42   Die Bühne, die Welt
43   Das mich.
44   Das mich, 
45   das ich – ohne euch
 
 
46   Wut,unbändige Wut
47   stechen, hauen, schlagen,
48   den Selbstverlust beklagend
49   denn was ist ich
50   ohne euch
51   ohne mich:
52   Wut.
 
53   Dann wieder ihr,
54   vor mir.
55   Und alles 
56   fällt ab
57   Die Wut, der Zweifel, 
58   die Angst fließt 
59   in den bauch
60   das Becken 
61   das sich füllt
62   mit wärme, Zuversicht
63   Vertrauen.
64   - Liebe
 
65   Dann allein
66   Und wieder, 
67   von vorn beginnt 
68   das treiben,
69   die Hetzjagd,
70   der Hunde. 
 
71   Mit fletschenden Zähnen
72   jagen durchs Unterholz
73   meiner Gefühle,
74   vertrauen jagend
75   das haken schlägt - wie kleine Hasen -
76   hoffnungslos -
77   kein entkommen.
 
78   Wie nur
79   soll ich
80   ohne Euch,
81   ohne mich,
82   leben,
83   lieben.
84   Wie . . .
85   Mit soviel
85   Gefühl.

  
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