Gustav Szathmáry um 1904
Gustav Szathmáry und BErnhard Hoetger
Gustav Szathmáry und Bernhard Hoetger um 1904 in Paris
Budapest um 1900

Gustav Szathmáry mit dem Tavkiolo

Selbstportrait mit dem Távkiolö 1895


Paula Modersohn-Becker

Paula Modersohn-Becker um 1905 in Paris. Fotografie von Gustav Szathmáry


Gustav Szathmáry und Bela Bartok

Szathmáry um 1903 in Budapest


Paula Modersohn-Becker und Gustav Szathmáry

Gustav Szathmáry und Paula Modersohn-Becker um 1906
 

 

Gustav Szathmáry (1867-1907) 


Seine Genossen nannten ihn längst einen sonderbaren Kauz; sie schätzten seine Herzlichkeit, die oft an Sentimentalität grenzte, freuten sich an seinem Frohsinn, ließen ihn einsam, wenn er traurig war, und duldeten seine Überlegenheit mit gutmütigem Vergeben. 

Rainer Maria Rilke, 1897, Heiliger Frühling


1907 verliert sich die Spur Gustav Szathmárys. Was in den Jahren von 1890 bis 1907 geschehen ist, blieb lange unbekannt. Durch Funde im Jahr 2003 konnten wichtige Lücken im Leben dieses ungewöhnlichen Komponisten und Fotografen rekonstruiert und ergänzt werden. Mit dem „Lebensbuch“, das Szathmáry stets bei sich trug und in das er sporadisch Eintragungen vornahm, ist eine Quelle aus erster Hand entdeckt worden. In das von ihm gewählte Grab in Worpswede hat es ihn begleitet und so Aufschluss darüber gegeben, was von 1890 bis 1907 geschah.

 

Biographie

Szathmárys Leben verlief auf unruhigen Bahnen: 1867 wurde er in Budapest als einziger Sohn eines ungarischen Juristen und einer deutschen Mutter geboren. Aufgrund seiner Bilingualität war er sehr sprachbegabt und bekam frühzeitig Unterricht in Französisch und Italienisch. Ab seinem 6. Lebensjahr hatte er Klavierunterricht und begann ebenso früh mit eigenen kleinen Kompositionen. 1880 stirbt der Vater, die Mutter geht mit ihrem 13-jährigen Sohn nach Wien, wo die Familie mehrere Häuser besitzt. Szathmáry beginnt 5 Jahre später das Studium des Klavierspiels und der Komposition am Wiener Konservatorium und später an der Musikakademie in Budapest. Der fehlende Vater und die kränkelnde Mutter treiben den gut aussehenden jungen Mann in zahlreiche Liebschaften, welche ihm  mehrmals einen Verweis aus dem Akademiebetrieb einbringen.

1888 begegnet Szathmáry an der Oper in Budapest Gustav Mahler, wo Mahler Direktor ist. Über die Beziehung zu Gustav Mahler hält sich Szathmáry in seinem „Lebensbuch“ zurück. Lediglich die Besuche einiger Konzerte Mahlers werden erwähnt. Gegen Ende 1888 begibt er sich auf eine längere Reise durch Europa. Aufenthalte in Rom, Venedig, Florenz, Madrid und Paris sowie Berlin lassen ihn ruhelos durch die Metropolen und Künstlerkreise treiben. Finanziell unabhängig, dauert seine Reise bis 1890. 1894 stirbt die Mutter in Wien und Szathmáry ist alleiniger Erbe. Mehrere Häuser in Wien und Budapest zählen nun zu seinem Eigentum. Doch unfähig mit Geld umzugeben, übergibt er die Verwaltung des Erbes einem befreundeten Juristen. Die Unabhängigkeit ist ihm stets wichtiger als der Besitz. Durch den Verlust der Mutter werden seine Beziehungsschwierigkeiten deutlicher. Kurzlebige Affären wechseln sich ab. In der Zeit nach dem Tode der Mutter beginnen ihn Depressionen und Schwermütigkeit zu lähmen. 1895 legt ihm der befreundeter Arzt István Ihász einen Kuraufenthalt nahe. Für ein halbes Jahr begibt sich Szathmáry nach Bad Ems. Doch mit dem beginnenden Herbst werden die Depressionen wieder erdrückender und er sucht Zuflucht im sonnigen Italien, in Rom. 1896 lernt er Lou Andreas Salomé kennen. In München macht er durch sie die Bekanntschaft Rainer Maria Rilkes, der Szathmáry stark beeindruckt. Durch das „Schwermütige, Traurige und Einsame“ in den Schriften Rilkes, fühlt sich Szathmáry in seinen dunklen Stimmungen verstanden. Durch Szathmáry inspiriert, schreibt Rilke 1897 die Skizze „Heiliger Frühling“. Die Figur des Vinzenz Victor Karsky im Heiligen Frühling trägt deutlich die „positiven“ Züge Szathmárys.

Der Fotograf

In den folgenden Jahren entdeckt Szathmáry die Fotografie für sich. Von dem Medium fasziniert, entwickelt er eine eigene Kamera. „Babám No.1“ benennt er die Kamera, was soviel wie „Schatz oder Liebling Nr. 1“ bedeutet. Fast parallel entwickelt George Eastman in Amerika die „Kodak No. 1“, ebenfalls eine Kamera mit Rollfilm, die sich sehr schnell als benutzerfreundlich durchsetzt. Obwohl Szathmáry seine Kamera 1897 in London zum Patent anmeldet, findet seine Erfindung wenig Anklang. Aufgrund seiner finanziell gesicherten Lage interessiert ihn die eigene Geschäftstüchtigkeit wenig. Seine Abneigung, von Fremden fotografiert zu werden, führt ihn zu der Entwicklung einer Vorrichtung mit der er Selbstportraits herstellen kann. Der auch zum Patent angemeldete „Távkiolö“ (Selbstfotografierer) ist ebenfalls kein finanzieller Erfolg. Mit dem „Távkiolö“ entstehen zahlreiche „Selbstfotos“ Szathmárys, eine Art fotografisches Tagebuch, von dem in der Ausstellung nur eine Auswahl zu sehen ist. Daneben entsteht eine Reihe von Portraits und Landschaftsfotografien. Die meisten der Fotos Szathmárys sind verloren gegangen. Einige Fotoalben, die seinem Grab beilagen, bieten einen Einblick in diesen Bereich seines Schaffens.  

Düstere und lichte Kompositionen 

1899 zwingen erneute schwere Depressionen Szathmáry zu einem weiteren Kuraufenthalt in der Schweiz. Er wendet sich wieder stärker der Musik zu. In Genf entstehen die „düsteren Kompositionen“, Klaviersonaten von einer tiefen Traurigkeit und ebensolcher Schönheit. 1900 geht Szathmáry zurück nach Budapest, neue Schaffenskraft treibt ihn in seine Geburtsstadt, wo er Béla Bartók, den 14 Jahre jüngeren Ungarn an der Musikakademie kennenlernt. Die emotionale Seele der Ungarn lässt den Deutsch-Ungarn Szathmáry, der zeitlebens unter den „zwei Herzen, die in seiner Brust schlagen“ litt, wieder neuen Lebenswillen finden. Eine neue Reiseperiode beginnt 1901 für ihn. Auf Anregung Bartóks hält sich Szathmáry längere Zeit in Preßburg (Bratislava) auf. Hier entstehen die ungarischen Sonaten. 1904 brennt in seiner Abwesenheit sein Hauptwohnsitz in Wien ab. Die „Zuflucht“, wie Szathmáry das Haus nannte. Nur wenige Dokumente und Aufzeichnungen können bewahrt werden.


Ein neues Leben 

Szathmáry zieht nach Paris, wo er 1905 durch Bernhard Hoetger Paula Modersohn-Becker kennenlernt. Paula Modersohn-Becker, die zum dritten Mal in Paris verweilt, schreibt in ihren Briefen an ihre Familie aus dieser Zeit wenig über Kunst - die Hingabe an das Leben dominiert. Von dieser Hingabe, der Leichtigkeit und dem Schaffensdrang Modersohn-Beckers angesteckt, stürzt sich auch Szathmáry in das Pariser Leben. Alle Bekanntschaften und Affären Szathmárys verblassen gegenüber dem Erleben dieser positiven Lebenskraft. Der „Suchende“ Szathmáry, dessen unbeständiger Lebenswandel ihn stets antrieb, „hinter den nächsten Gipfel“ zu stürmen, fand in Paula Modersohn-Becker eine konstant wirkende Kraft, die ihn faszinierte. Doch Paula Modersohn-Becker, finanziell an ihren Mann gebunden, zieht es zurück nach Worpswede. Für Gustav Szathmáry wirkte die Bekanntschaft mit Paula Modersohn-Becker wie ein Jungbrunnen. Neue Kompositionen von einer Leichtigkeit und voller Zauber entstehen. Szathmáry schreibt: „... diese Kraft, dieser Wille, diese Freude, ... wie macht die Liebe doch die Menschen gut, das erste Mal in meinem Leben bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich stehen bleiben kann, wo ich verweilen möchte ...“.  

1906 treffen Paula Modersohn-Becker und Gustav Szathmáry erneut in Paris zusammen.  Am 23.02.1906 verlässt Paula Modersohn-Becker das Haus Otto Modersohns, um in Paris „hart zu arbeiten“ und damit ihr Handeln zu rechtfertigen. Was genau in dieser Zeit in Paris geschah, geht aus den Aufzeichnungen Szathmárys nicht hervor. In den „Hochzeiten“ seines Lebens hat Szathmáry nur wenig in seinen Buch eingetragen. Wir können also davon ausgehen, dass er 1905-06 in guter Verfassung war. Dass die beiden sich häufig getroffen haben, hat Szathmáry vermerkt, ebenso, dass er gemeinsame Pläne für die Zukunft machte. Vorsichtige Andeutungen von „Sesshaftwerden“ finden sich in den Aufzeichnungen vom 20. August 1906. Er schreibt: „... ich stehe vor der Schwelle zu einem neuen Leben, wo ich sein werde, ist nicht mehr wichtig, wichtig ist nur, dass ich mit ihr sein kann ...“ 

Am 3. September 1906 schreibt Paula Modersohn-Becker ihrem Mann „...Gieb mich frei, Otto. Ich mag dich nicht zum Manne haben. Ich mag es nicht. Ergieb dich drein. Foltere dich nicht länger. Versuche mit der Vergangenheit abzuschließen ...“ . Gustav Szathmáry war von dieser Entschiedenheit überwältigt. Sie würde für ihn frei sein. Unschlüssig und ängstlich, wie auf die Situation zu reagieren ist, flüchtet er überstürzt aus der Stadt und reist nach Budapest, um sich bei seinem Freund, dem Arzt István Ihász, Rat zu holen. Er schreibt am 23.August: „... Ich spüre, ich habe nicht die Kraft zu entscheiden. Ich, der ich nie zur Bindung bereit gewesen ist. Und doch ist die Angst sie zu verlieren größer, als die Angst eine falsche Entscheidung zu treffen...“ 

So schreibt Paula am 9. September an ihren Mann „... wenn du mich überhaupt noch nicht aufgegeben hast, so komme bald her, daß wir uns versuchen wieder zu finden ... - ... ich fühle nicht welches mein richtiger Weg ist...“Ob Paula Modersohn-Becker ihren eigenen Entschluss bereute, lässt sich nicht nur vermuten. Die überstürzte Abreise Szathmárys muss eine herbe Enttäuschung gewesen sein. Im September kommt Otto Modersohn nach Paris. Szathmáry bleibt bis Februar  1907 in Budapest und kann sich zu keiner Entscheidung durchringen. Erneute Depressionen machen ihm zu schaffen. István Ihász redet ihm gut zu und überzeugt ihn, im Februar nach Paris zurückzukehren. Doch ein Unfall in Budapest verhindert die Reise. Ans Bett gefesselt, schreibt Szathmáry mehrere Briefe nach Paris, die jedoch unbeantwortet bleiben. Im April kommt Szathmáry in Paris an. Paula Modersohn - Becker ist mit ihrem Mann nach Worpswede abgereist. Gustav schreibt ihr nach Worpswede, doch auch diese Briefe werden nicht beantwortet.

Das Ende in Worpswede

Von düsteren Gedanken geleitet, dass das Glück, das er so lange suchte, nun an ihm vorbeigegangen ist, reist er wieder zurück nach Budapest. Er macht sich Vorwürfe über sein Handeln und entschließt sich, im November nach Worpswede zu reisen. Am 29. November kommt er in Worpswede an und erfährt, dass Paula Modersohn-Becker am 20. November verstorben ist, zwei Wochen nachdem sie eine Tochter zur Welt gebracht hatte. Von Schuldgefühlen gepeinigt, steht Szathmáry stundenlang in der Novemberkälte am Grabe Paula Modersohn-Beckers. Er malt sich aus, welch anderer Weg möglich gewesen wäre und gibt sich die Schuld an Paulas Tod. Szathmáry erkrankt an einer Lungenentzündung und schreibt aus seiner Schwermütigkeit heraus seinem Freund István Ihász in Budapest. In dem Brief bittet er seinen Freund und Arzt, nach Worpswede zu kommen. Er schreibt: „... ich fühle mich leer, die Düsternis um mich herum kriecht in mich, nimmt Platz in mir, von mir, droht mich aufzusaugen ...- ... was kann mich jetzt noch retten?...“ Er ahnt sein Ende nahen und bittet seinen Freund um einen Gefallen. Von Fieberkrämpfen geschüttelt schreibt er Ihász, Worpswede zu seiner Ruhestätte zu machen. Gustav Szathmáry verstirbt am 6. Dezember 1907 in Worpswede. Heimlich vergräbt Ihász Szathmáry in der Nähe des Friedhofs, auf dem Paula Modersohn-Becker beerdigt wurde. Wenn das Leben mit ihr zu teilen ihm nicht vergönnt gewesen war, so wollte er im Tode nicht von ihrer Seite weichen.

Gustav Szathmáry ist kein Komponist im herkömmlichen Sinne, er ist auch kein Fotograf im Sinne eines Fotografen. Szathmáry ist ein Suchender, ein getriebener, der die Stimmungen der Zeit in sich aufsaugt und nur die Perlen leise an die Oberfläche zurückfließen lässt, um sie dort unerkannt tanzen zu lassen.  

István Ihász, 1903