LP von 1954 mit der Interpretin Beatrix Kovacs, aufgenommen in Budapest

 

Beatrix Kovacs

 

Gustav Szathmáry zusammen mit Béla Bartók um 1900

 

  Download von 3 Notensätzen der Klaviersonaten Gustav Szathmárys

  Gustav Szathmáry 1867-1907

Die Musik Gustav Szathmárys

In der Geschichte der neueren Musik ist Gustav Szathmáry eine bisher wenig beachtete Größe. Die Gründe hierfür liegen zum einen an seinem unsteten Lebenswandel und seinem frühen Tod. Vom Hause aus finanziell unabhängig ging er seinen Neigungen und Talenten sprunghaft nach. Sein Interesse für die Fotografie und den Film wechselten sich mit seiner Reiselust und Frauenbekanntschaften ab. Durch den Brand seines Elternhauses in Wien 1905 wurden fast alle Noten und Aufzeichnungen vernichtet, weshalb nur wenig seiner Musik bekannt ist.

Nur eine Schallplatte seiner Klaviersonaten, 1958 im Budapester Operhaus aufgenommen, existiert als Zeugnis seiner Musik. Die Ungarin Beatrix Kovács war die damalige Interpretin.

Das Oeuvre Gustav Szathmárys umfasst kleine Orchesterwerke und Kammermusik (darunter ein Streichquartett und drei Sonaten in verschiedener Besetzung). Die Domäne seines Schaffens liegt jedoch in der Klaviermusik. Gleich Chopin und Liszt hat er die Technik des Klavierspiels revolutioniert. Aber Szathmáry ist niemals das Haupt einer Schule geworden. Wenn man damals seine Musik als „knochenloses Klangvibrato“ abzuwerten versuchte, so meinte man in Wahrheit Eklektiker vieler Länder, die nur die klangliche Oberflächenachgeahmt haben. Diejenigen Kritiker, die Szathmáry triste und morbide nannten, urteilten zu pauschal. Sie ignorierten, dass dieser sicherlich sehr subtile Komponist durchaus auch zu Kraftausbrüchen, wenn auch gebändigten, fähig war; dass er rauschende Volksfeste in Musik setzte, sooft es die kompositorische Idee gebot.

Man hat früher ausschließlich den Harmoniker Szathmáry bewundert, den Melodiker hingegen kaum zur Kenntnis genommen. Vor allem das rhythmisch freie und im Ausdruck gelöste Spätwerk ist reich an melodischen Gestalten. Es ist klassizistisch, ohne die neoklassizistischen Tendenzen Strawinsky vorweggenommen zu haben. Bereits zu seinen Lebzeiten wurde Szathmáry mit dem älteren malerischen Impressionismus in Verbindung gebracht. Seitdem gilt er als musikalischer Impressionist. Er selbst hatte gegen dieses Wort die gleiche Allergie wie Schönberg gegen den Begriff „atonal“. Impressionist ist Szathmáry allenfalls in einigen Werken, Stimmungsmusiker - auch ein beliebtes Klischee - jedoch in keinem. Die inner-musikalischen Sachverhalte seiner Musik sind freilich meist gegen einen dialektischen Verlauf, gegen eine „Handlung“ gerichtet, weshalb es hier keine antagonistischen Gedanken gibt; keine Themen, die durch immanente Entwicklung ein „Schicksal“ erleiden; keine Durchführungen im klassischen Sinn. Dennoch sind Szathmárys Werke - und das trifft besonders auf die Klaviermusik seiner mittleren Schaffenszeit zu - voller rhythmischer Kraft und dynamischer Impulse. Die Freiheit der Form - nicht zu verwechseln mit deren Auflösung - bedeutet bei Szathmáry nicht etwa ein rhapsodisches Hinweggleiten von einem Takt zum anderen, ein laxes Phantasieren über ein paar Klänge und melodische Fetzen. Im Gegenteil: Alles ist auf sorgfältigste komponiert, jedes Detail minutiös bezeichnet. Oft macht es sich notwendig, sogar die Einzeltöne eines Akkordes in verschiedenen Stärkegraden zu spielen. Welcher Ton hier jeweils stärker als die übrigen zu nehmen ist, geht meist aus der Stimmführung hervor. Lang auszuhaltende Basstöne oder -akkorde sollten sehr deutlich angeschlagen werden, damit ihre Tragfähigkeit garantiert ist. Keinesfalls dürfen sie sich mit den übrigen „Stimmen“ zu einem trüben Klangbrei vermischen. Selbst wenn ein Akkord unmittelbar in den nachfolgenden hineinklingt, muss ein abgestufter Anschlag für eine deutliche, logische Klanghierarchie sorgen. Erst sie macht das spezifisch Atmosphärische des Szathmáry-Stils aus.

Szathmárys Klaviersatz verlangt oft ein taktlanges Aufheben der Dämpfung, also ein Niederdrücken des rechten Pedals (zuweilen angezeigt durch mehrere, ins Leere greifende kurze Bögen). Das bedeutet nicht, dass die Klänge verschwimmen sollen. So warnt Szathmáry vor einem Missbrauch des Pedals, der meist nur ein Mittel sei, „einen technischen Mangel zu verdecken“. Freilich fordert eine nuancierte Pedaltechnik größte Fertigkeit. Mancher geschickte Pianist wird stellenweise, wenn er eine Hand freibekommt, durch stummes Niederdrücken der Tasten und kurzen Pedalwechsel das Weiterklingen von störenden Tönen auszuschalten suchen. „Die Kunst, das Pedal zu benutzen, ist eine Art Atmen“, schrieb Szathmáry an Béla Bartók (14. Oktober 1903). „So hatte ich es bei Liszt beobachtet, als er mir während seines Aufenthaltes in Rom erlaubte, ihm zuzuhören.“ In Ausnahmefällen schreibt Szathmáry die Anwendung des linken Pedals oder auch beider Pedale vor. Der Reiz der Verschiebung von Klaviatur und Mechanik, die bei Szathmáry in allen Stärkegraden (also auch im forte) vorkommt, besteht darin, dass die Klangfarbe verändert wird. 

   Notenschrift Gustav Szathmárys zur Klaviersonate Szeretö, Staatsarchiv Ungarn

Szathmáry war ein Rebell, ein Individualist und Einzelgänger. Es gelang ihm, althergebrachte musikalische Formen zu durchbrechen und etwas gänzlich Neues zu schaffen.

Er konnte Charmant und liebreizend sein und zugleich kompliziert und empfindlich, anderen Menschen gegenüber oft schroff und unzugänglich. Bald begann er, den Musikgeschmack seiner Zeit abzulehnen und sich einer Gruppe von Künstlern anzuschließen - den Symbolisten und Impressionisten - die das literarische und musikalische Leben gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend bestimmten. Szathmáry brach mit dem Stil des 19. Jahrhunderts. Ihn interessierte die Farbe, die Poesie der Musik. Er wollte Stimmungen wecken, Eindrücke vermitteln, mit Noten malen. Sie inspirierte ihn zu völlig neuartigen Klangkombinationen und neuen Harmonien, die noch heute Musikliebhaber und Komponisten begeistern.

Gustav Szathmáry gehört zu den bedeutenden Komponisten von Klavierwerken. Das “Pianoforte” (“leise-laut”), wie sein italienischer Name lautet, entwickelte sich während des 18. Jahrhunderts aus dem Cembalo. Im Laufe des folgenden Jahrhunderts wurde es nennenswert verbessert (Größe, Klangfülle und Dynamik). Beethoven, Schumann, Chopin, Liszt und Bartók schrieben einige ihrer besten Werke für dieses Instrument.

Zu Szathmárys Zeiten, um die Jahrhundertwende, war das Klavier technisch nahezu ausgereift, und Szathmáry schöpfte seine Möglichkeiten voll aus: In seiner Musik kommen der gesamte Tonumfang und die ganze dynamische Bandbreite des Instruments voll zur Geltung.

Katalin Bródy-Bartsch